VWL im Lock-In-Modus

Am Anfang stand die Studienwahl. Man belegte bestimmte Seminare, gab auch schon mal in Referaten erste Statements ab. Es bilden sich Interessenschwerpunkte heraus, denen man über entsprechende Lektüre und Veranstaltungswahl Rechnung trug. Die Wahl der Diplomarbeit wies dann schon in eine bestimmte Richtung und ebnete den Weg für die anschließende Promotion. Der Doktorvater erklärte sich eben aus den großen Positionsschnittmengen zu einer Betreuung bereit. Parallel wurden einem erste akademische Veranstaltungen anvertraut, in denen man zum ersten Mal in den Genuss kam, sein Wissen weiterzugeben und damit Einfluss auf die Etablierung seiner eigenen Forschungsinteressen im wissenschaftsinternen Diskurs zu nehmen. Den Titel dann in der Tasche, galt es auf Kongressen und in Beiträgen für einschlägige Journals seine wissenschaftliche Expertise immer wieder aufs neue unter Beweis zu stellen. Es folgten vereinzelte Lehrtätigkeiten und schließlich die Habilitation, mit deren erfolgreichem Bestehen dann die venia legendi erteilt wurde und man endlich Lehr- und Forschungsprojekte ganz nach seinem eigenen Gutdünken gestalten durfte. Auf dem Zenit angekommen, bekennt man sich schließlich immer wieder aufs Neue zu seinen Positionen und installiert diese fest in seinem akademischen Wirkungskreis.

In diesem kurz skizzierten Lebenslauf eines Professors gibt es entscheidende Schlüsselstellen, deren Beleuchtung aus einer pfadtheoretischen Perspektive Erklärungsansätze für die eingefahrenen Strukturen der deutschen VWL liefern. Der Versuch einer Erklärung.

Die Theorie der Pfadabhängigkeit ist ein sozialwissenschaftliches Erklärungskonzept, das maßgeblich von der evolutorischen Ökonomik entwickelt, dann aber auch von anderen Forschungsprojekten (wie bspw. der Neuen Institutionenökonomik) aufgegriffen wurde. Sie betont die Historizität von sozialen Tatsachen und lenkt das Augenmerk auf die Irreversibilität von Entscheidungen. Ist ein pfadabhängiger „Korridor“ erst einmal eingeschlagen, so sind alle folgenden Entscheidungen positiv an die ursprüngliche Entscheidung rückgekoppelt. Die Kosten für eine Rückkehr zum Ausgangspunkt oder vorangegangener Stufen (soweit dies überhaupt noch möglich ist), steigen dabei mit jeder neu getroffenen Entscheidung. Dabei sieht das Konzept der Pfadabhängigkeit keinen deterministischen Endpunkt, sondern einen sich sukzessiv verengenden Entscheidungskanal vor.

Nach Schreyögg et al. (2003) werden in Bezug auf Innovationen typischerweise vier Phasen einer Pfadabhängigkeit unterschieden:

  1. Pfadkreation: Basiserfindungen führen ein neues Paradigma ein. Diese Phase hängt in hohem Maße von der Kreativität und Kommunikationsfähigkeit der Schlüsselperson ab (Wissenschaftler, Unternehmer, etc.).
  2. Pfadausbildung: Es kommt zu einer selbstverstärkenden Ausbildung des eingeschlagenen Pfades. Viele Akteure entscheiden sich für das neue Paradigma und festigen damit dessen Bedeutung. Eine Rückkehr zum Ausgangspunkt scheint immer schwieriger.
  3. Institutionalisierung: Die Innovation wird standardisiert und mit einer Regelhaftigkeit überzogen. Eine Rückkehr zum Ausgangspunkt wird somit strukturell verbaut.
  4. Lock-In: Die ursprüngliche Idee hat die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und insbesondere ihr Innovationspotenzial vollends ausgereizt.

Für die jüngst entbrannte Debatte zu den Krisenerscheinungen der Ökonomik (insb. in Deutschland) bietet die Theorie der Pfadabhängigkeit beachtenswertes Erklärungspotenzial. Die Deutungshoheit über wirtschaftliche Sachverhalte liegt in unserem akademischen System naturgemäß bei den Professoren. Deren schleppende Bemühungen, sich zu den Krisenentwicklungen seit spätestens 2008 zu positionieren und Anpassungen in Lehre und Forschung vorzunehmen, muss dringend im Kontext ihrer spezifischen Historizität, ihren Lebensläufen beurteilt werden. Wer seine wissenschaftliche Karriere mit neoklassischer Modellierung verbracht hat, wird nicht von heute auf morgen gleichgewichtsaverse Konzepte der evolutorischen Ökonomik oder andere alternative Ansätze der VWL anwenden. Er wird sich garantiert schwer damit tun, neoklassische Grundfesten zu hinterfragen (Utilitarismus, Rationalismus, Individualismus, Gleichgewichtstendenz). Nicht einmal dann, wenn er eigentlich davon überzeugt ist, dass die realen Entwicklungen eine Ablösung oder zumindest eine Anpassung des neoklassischen Forschungsprogrammes unausweichlich erscheinen lassen. Seine wissenschaftliche Reputation und Glaubwürdigkeit, seine Legitimation zur Wissensweitergabe und Deutungshoheit sind das Produkt einer langen Verkettung von Entscheidungen. Diese Entscheidungen können in endogene (vom Wissenschaftler ausgehende) und exogene (vom Umfeld des Wissenschaftlers ausgehende) getrennt werden. Auf beiden Seiten wurden über die Laufbahn des betrachteten Professors hinweg Entscheidungen getroffen, deren Revision entweder mit hohen Kosten verbunden oder aber gar unmöglich ist. Insbesondere die exogenen Entscheidungen (Förderung, Berufung, Auszeichnungen, etc.) machen an dieser Stelle deutlich, dass es sich angesichts eines hoch vernetzten Wissenschaftsapparates um ein interdependentes Reputationsgeflecht handelt, das schlichtweg nicht mehr in eine andere Richtung aufbrechen kann. Beispielsweise bei Betrachtung des Thomson´s Impact Factor als Maß für gute Arbeit und Kriterium für Berufungen, wird die strukturelle Selbstverstärkung eines bestimmten Forschungspfades besonders deutlich. Bahnbrechende Innovationen aus dem Innern des Systems erscheinen unmöglich. Wir befinden uns im Lock-In.

Wenn man dem zustimmt, dass der Status Quo der VWL nicht hinnehmbar ist, stellt sich die Frage, wo der Anstoß zum Umdenken letztlich herkommen soll. Deutschmann (2009) verweist in diesem Zusammenhang auf die schöpferischen Potenziale eines Lock-In: „Paradoxerweise kann jedoch gerade der Zustand des „lock-in“, indem er die Grenzen des ursprünglichen Paradigmas sichtbar macht, die Entstehung gänzlich neuer Ideen stimulieren und zum Ausgangspunkt neuer pfaderzeugender Reifungen werden. Was sich für die Mehrheit der ökonomischen Akteure als Sackgasse darstellt, kann von Minderheiten als Chance wahrgenommen werden; damit entsteht die Möglichkeit eines neuen Zyklus.“ (Deutschmann 2009: 60).

Vielleicht ist also gerade heute der Moment für „Minderheiten“ gekommen, einen neuen Zyklus in den Wirtschaftswissenschaften auszulösen und dabei den Fehler einer überreizten Orthodoxie (hier verstanden als Anspruch auf alleinige Erklärungshoheit) auf allen Ebenen des Wissenschaftsapparates zu vermeiden. Somit ließen sich evtl. kürzere und vielleicht sogar koexistierende Pfade etablieren, die dem Ideal eines wissenschaftlichen Wettbewerbes unter verschiedenen Erklärungsansätzen (siehe Soziologie) gerecht würden.

Quellen:

  • Deutschmann, Christoph (2009): Soziologische Erklärungen kapitalistischer Dynamik, in: Beckert, Jens/Deutschmann, Christoph (Hrsg.): Wirtschaftssoziologie, 41-66,Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Schreyögg, Georg/ Sydow, Jörg/ Koch, Jochen (2003): Organisatorische Pfade – Von der Pfadabhängigkeit zur Pfadkreation?, in: Schreyögg, Georg/ Sydow, Jürg (Hrsg.): Strategische Prozesse und Pfade. Managementforschung 13, 257-294, Wiesbaden: Gabler
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