Serie Wachstumskritik: Wachstum in der Wirtschaftstheorie

Des Phänomens wirtschaftlichen Wachstums nehmen, bzw. nahmen sich selbstverständlich auch Ökonomen an. Dieser erste Artikel unserer wöchentlichen Wachstumsserie soll die unterschiedlichen wirtschaftswissenschaftlichen Erklärungsversuche in Bezug auf Wirtschaftswachstum kurz einordnen, anschließend den dominanten, neoklassischen Erklärungsansatz im Detail beleuchten und schließlich auf Kritik an letztgenanntem eingehen.

Wirtschaftswissenschaftliche Wachstumstheorien sind in drei Lager zu unterteilen, die sich insb. über ihre methodische Herangehensweise an das Phänomen des Wirtschaftswachstums unterscheiden: Mathematische Modelltheorien, empirisch-statistische und historisch-deskriptive Wachstumsanalysen. Dabei nehmen die mathematischen Modelltheorien einen besonderen Platz ein, da sie eine große innerwissenschaftliche Rezeption erfahren haben und sich folglich auch als maßgebende Erklärungsansätze durchgesetzt haben. Dies schlägt sich u.a. auch in den einführenden Lehrveranstaltungen zum besagten Thema nieder, wo fast ausschließlich modelltheoretische Herangehensweisen vermittelt werden. Dabei ist zu beachten, dass sich neoklassische Erklärungsansätze innerhalb der mathematischen Modellierungstheorien zumindest in Sachen Rezeption klar gegenüber (post-)keynesianischen Ansätzen (Harrod, Domar, Kaldor, Robinson) durchgesetzt haben. Dieser Beitrag beschränkt sich daher auch auf diese zentralen Erklärungsansätze der „Standardökonomik“.

Neoklassiche Wachstumstheorie

Grundstein für die modelltheoretischen Wachstumstheorien legte Robert M. Solow 1956 mit seinem im Quarterly Journal of Economics veröffentlichten Artikel „A Contribution to the Theory of Economic Growth“. Solows Wachstumsmodell versucht, die Bedingungen für ein konstantes Wirtschaftswachstum aufzuzeigen und die Intensität dieses Wachstums anhand seiner Einflussfaktoren zu bestimmen. Dafür unterstellt er eine gesamtgesellschaftliche Produktionsfunktion, die auf zwei Produktionsfaktoren, nämlich Arbeit und Kapital, beruht. Dabei kann der Faktor Arbeit durch den exogenen Faktor „technischen Fortschritt“ positiv beeinflusst und zu „effektiver Arbeit“ werden. Die Exogenität, also „Nicht-Beeinflussbarkeit“ des letztgenannten Faktors konstituiert Solow´s Modell als eine Theorie exogenen Wachstums. Der im Modell angenommene Grund für Wachstum, nämlich technischer Fortschritt, wird also nicht erklärt, sondern als gegeben angenommen.

Quellen des Wachstums liegen hier naheliegenderweise im Wachstum der produktionsrelevanten Faktormengen: neben dem Bevölkerungswachstum und dem Wachstum des Kapitalstockes, ist auch die Steigerungsrate des technischen Fortschrittes relevant. Letztgenannte führt zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und hat damit einen direkten Einfluss auf das Pro-Kopf-Einkommen. Im Modell ist das langfristige Gleichgewicht (=bestimmte Größe des Kapitalstocks) hergestellt, wenn alle Faktoren (Kapital, Konsum und somit auch Einkommen) mit der gleichen, konstanten Wachstumsrate in Höhe des Bevölkerungswachstums wachsen. Liegen unterschiedliche Wachstumsraten vor, so spricht Solow von ungleichgewichtigem Wachstum, das wiederum zum steady state (=langfristiges Gleichgewicht) strebe. Dabei können auch die Abschreibungskosten für das eingesetzte Produktionskapital berücksichtigt werden.

Wirtschaftspolitische Implikationen des Modells liegen insbesondere in der Beeinflussung der Sparquote, sodass der Konsum im steady state maximiert wird („Golden Rule“), wie auch der Etablierung freier Märkte als Grundvoraussetzung des Modells.

Es ist abschließend zu betonen, dass es sich bei Solow´s Wachstumsmodell – wie bei allen neoklassischen Wachstumsmodellen – um ein angebotsorientiertes Modell handelt. Es erlebte dabei unmittelbar nach seiner Veröffentlichung, aber auch noch weit in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein einen regelrechten Boom in der wissenschaftlichen Diskussion. Dann aber durchschritt das Forschungsprogramm eine Durststrecke von über 20 Jahren, die sich v.a. auf die empirische Unhaltbarkeit der Modellannahmen und –voraussagen, wie auch den geringen Erklärungsgehalt für offene oder Mehrfaktorvolkswirtschaften zurückführen lässt. Insbesondere der Erklärungsgehalt für Einkommensunterschiede auf zwei exogene Variablen (Bevölkerungswachstum, technische Fortschrittsrate) zu reduzieren, konnte internationalen Fundamentaldaten nicht Stand halten.

Diese Defizite wurden Ende der 80er Jahre durch Lucas (1988) und Romer (1990) aufgegriffen und führten über die Endogenisierung von Wachstumstreibern zu einer Renaissance der modelltheoretischen Wachstumsforschung. Diese Endogenisierung besteht im Kern in der Erklärung wachstumsfördernder Faktoren aus dem Modell heraus. Dabei wird vom Konzept konstanter Sparquoten abgewichen und an deren Stelle von variablem Sparverhalten ausgegangen, das in der Folge direkten Einfluss auf technischen Fortschritt nehmen kann.

„Die Wachstumsrate hängt also von Parametern ab, die einer wirtschaftspolitischen Beeinflussung zugänglich sind. Beispielsweise erhöht eine geringere Diskontrate und damit eine höhere Sparquote die Wachstumsrate. Ebenso kann man annehmen, dass der Bestand an Humankapital durch Bildung beeinflussbar ist. Das Wachstum kann also beeinflusst werden und ist nicht wie etwa im Solow-Modell durch solche Parameter vorgegeben, die einer wirtschaftspolitischen Beeinflussung weitgehend unzugänglich sind.“ (Christiaans 2004: 200)

Humankapital, das nun neben physischem Kapital den Kapitalstock einer Volkswirtschaft konstituiert, kommt also eine besondere Rolle zu. Diese Tatsache deckt sich mit empirischen Befunden und internationalen Vergleichen von Wachstumstendenzen verschiedener Gesellschaften. Daneben führte auch die neue Bedeutung direkter Einflussnahme zu einer breiten Rezeption und Weiterentwicklung endogener Wachstumsmodelle – sowohl im wissenschaftlichen, als auch politischen Dunstkreis. Letzterer wurde maßgeblich durch den klaren wirtschaftspolitischen Auftrag (Bildungsinvestitionen, F&E, etc.) angeregt.

Kritik

Beide hier kurz skizzierten Modelle wurden aus dem eigenen – neoklassischen –Lager vermehrt für das Ausblenden produktionsstruktureller Variablen kritisiert. Die Beschaffenheit der eingesetzten Produktionsfaktoren trifft im internationalen Vergleich auf sehr verschieden geartete Produktionsstrukturen, die eine Generalisierung der wirtschaftspolitischen Implikationen unmöglich erscheinen lassen. Zu dem gleichen Schluss gelangen Kritiker, die Schwächen der Modelle insbesondere im Hinblick auf deren Grundvoraussetzung marktwirtschaftlicher Organisation erkennen. Diese Grundannahme sei insbesondere in vielen Entwicklungsländern nicht erfüllt, weswegen der durch die Modelle suggerierte wirtschaftspolitische Auftrag problembehaftet sei. Beide Kritikpunkte stehen in starkem Zusammenhang mit neoklassischer Methodik, in der institutionelle, politische, soziologische (u.a.) Einflussfaktoren „wegmodelliert“ werden.

Aus wachstumskritischer Sicht ist erneut zu betonen, dass beide Modelle (aber auch deren jeweilige Weiterentwicklungen) quantitativ und angebotsorientiert sind. Verteilungsfragen, soziale Kosten angebotsorientierter Wirtschaftspolitik oder die ökologischen Kosten einer wirtschaftspolitischen Priorisierung von stetig hohem Produktionswachstum: die neoklassische Wachstumsökonomik vermag es nicht, die sozio-ökologischen Kosten der Wohlstandssteigerung einer Volkswirtschaft für andere beteiligte Volkswirtschaften und die Umwelt zu erfassen. Dies stellt den vermeintlich kausalen Zusammenhang zwischen Wachstum und Wohlstand in Frage.

Für die wirtschaftswissenschaftliche Herangehensweise an das Phänomen wirtschaftlichen Wachstums zeichnet sich aus dieser kritischen Perspektive daher eine Umdeutung der grundsätzlichen Fragestellungen, bzw. Problemdeutungen ab. Es scheint nicht mehr relevant, Wachstumstreiber auszumachen und sie anschließend einer positiven Beeinflussung zu unterziehen. Vielmehr muss am Anfang der heutigen Wachstumsforschung die Endogenisierung der sozial-ökologischen Kosten des vorherrschenden Wachstumsparadigmas stehen, die die  Schwächen der monetär-quantitativen Fokussierung entlarvt. Ausgehend von der Frage „was soll/kann wachsen und was nicht?“, scheint im zweiten Schritt scheint eine Redefinierung des Schlagwortes „Wachstum“ als zielführend. Die Wachstumskritik setzt sich vor diesem Hintergrund u.a. mit den (Un-)Möglichkeiten „qualitativen Wachstums“ auseinander oder sieht selbst eine grundsätzliche Abkehr vom Wachstumsparadigma als unausweichlich (Postwachstumsökonomik). In Bezug auf den in diesem Beitrag gelegten Schwerpunkt, stellt sich abschließend die Frage, ob derartige Anpassungen über eine neoklassische Modellierung gelöst werden kann. Eine methodische Positionierung vonseiten der Wachstumskritiker scheint hier angebracht.

Literatur

  • Christiaans, Thomas (2004): Neoklassische Wachstumstheorie. Darstellung, Kritik und Erweiterung. Norderstedt: Books on Demand GmbH
  • Lucas, Jr., R. E. (1988): On the Mechanics of Economic Development, Journal of Monetary Economics 22, 3–42.
  • Romer, P. M. (1990): Endogenous Technological Change, Journal of Political Economy 98, S71–S102.
  • Solow, R. M. (1956): A Contribution to the Theory of Economic Growth, Quarterly Journal of Economics 70, 65–94.
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