VWL in Deutschland: Und täglich grüßt das Murmeltier

Während europäische Entscheidungsträger allmählich zu begreifen beginnen, dass drei Jahre Austerität vor allen Dingen eine Verschärfung der ökonomischen und sozialen Schieflagen gebracht hat, bläst die Elite der ökonomischen Zunft ungeachtet schwerwiegender methodischer Fehler nach wie vor ins gleich Horn: Dosierung beibehalten, tendenziell erhöhen. Scheinbar alternativlose Politikempfehlungen wie die derzeitige Zwangskonsolidierung öffentlicher Haushalte kommen nicht aus dem Nichts: sie haben ihren Ursprung in Geschichte und Zustand der ökonomischen Wissenschaft. Trotz vielfachen Bemühens auf diesen hinzuweisen (z.B. hier, hier und hier), scheint der auf Ökonomen ausgeübte Druck nach wie vor kein Umdenken angeregt zu haben. Ganz im Gegenteil erfährt der (neo)klassische, auf naturwissenschaftlichen Methoden beruhende, Zugang in den Wirtschaftswissenschaften insbesondere in Deutschland eine regelrechte Blüte. Alternative Zugänge werden konsequent marginalisiert und im Falle der Wirtschaftsgeschichte gar regelrecht „ausverkauft“. Diese Entwicklungen (be)treffen insbesondere die ökonomische (Aus)Bildung, weswegen es nach wie vor akut scheint, auf deren Status Quo hinzuweisen.

Denken wir zu diesem Zweck an eine Bibliothek, gefüllt mit Büchern, die ihren Lesern die Möglichkeit bieten, sich auf eine bestimmte Art und Weise einem bestimmten (ökonomischen) Problem zu nähern; oder gar „die Wirtschaft“ als Solche wahr zu nehmen. Die Art und Weise sich etwas zu nähern – nennen wir es Perspektive – bestimmt dabei, was überhaupt und wie dieses „was“ gesehen werden kann. Der Student der modernen Wirtschaftswissenschaften ist einer Bildung ausgesetzt, welche im Rahmen des Bildes dieser Bibliothek nun wie folgt verstanden werden kann:

Eine wissenschaftliche Autorität – zumeist in der Person des Professors – begibt sich in diese Bibliothek. Dort geht sie zunächst an diversen Regalreihen der sog. „weichen Wissenschaften“, der Künste, vorbei, passiert die naturwissenschaftlichen Sektionen mit einem ehrfürchtigen Seufzen, um in unmittelbarer Nähe schließlich in der Abteilung ökonomischer Literatur vor einem ganz bestimmten Regalbrett auf Augenhöhe stehen zu bleiben. Aus den mannigfachen in der Bibliothek vertretenen Perspektiven wird vor diesem Regalbrett eine einzige ausgewählt. Nämlich jene, vor der sich auch schon die Kollegen tummeln und für deren Erreichen weder Verbiegen, Beugen noch sonstige Anstrengungen nötig sind. Obgleich die Einbände der auf diesem Regelbrett stehenden Bücher nun mit Mankiw, Samuelson, Blanchard oder Varian bedruckt sind – die darin enthaltene Lehre ist immer der Gleiche, die Kanonische, die Standardökonomische. In ihr finden sich die sogenannten ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, die „brutal truths of economics“ (Samuelson). Das Wissen über diese Gesetze erlaubt es dem Ökonomen, die ökonomische Welt zu verstehen und zu gestalten. Um als solcher wahrgenommen zu werden, muss sich der Student dieses Rüstzeug zu eigen machen. Die vorweg genommene Wahl des Professors in der Bibliothek scheint somit legitim. Oder etwa nicht?

Vergegenwärtigen wir uns das (implizite) Bildungsideal gegenwärtiger ökonomischer Ausbildung, wie sie soeben beschrieben wurde. Wie wir gesehen haben, geht es dabei im Kern um den Erwerb des ökonomischen Rüstzeugs. Der Bildungsauftrag des Lehrenden liegt darin, über die Weitergabe der „economic skills“ (Mankiw) seinesgleichen heran zu bilden. Hat er diese ’skills‘ erst einmal verinnerlicht, ist auch der Studierende in der Lage, als distanzierter „cool head“ die „warm hearts“ (Samuelson) der Gesellschaft zu informieren. Zielgröße des Studierenden ist also der soziale Status „Ökonom“ und das mit dieser Bezeichnung gemeinhin assoziierte Wissen. Dieses Wissen an sich wird keiner Durchleuchtung mehr unterzogen, es wird lediglich vermittelt oder ‚antrainiert‘. Selbstständiges Denken und Befähigung zum eigenständigen Beantworten von Fragen finden in diesem Kontext keinen Platz. Daher wird er auch nicht dazu befähigt, sich selbst in die Bibliothek zu begeben und sich dort nach seinen Vorstellungen zurecht zu finden. Schließlich zeigte sich schon in diesem Akt der eigenständigen Suche nach Antworten ein Zweifel an der alleinigen Deutungshoheit dessen, was in den Lehrbüchern gefasst ist. Und „wissenschaftlich“ belegte Gesetzmäßigkeiten zweifelt man schließlich nicht an. Oder etwa nicht?

Stellen wir uns für einen Moment vor, der Studierende wüsste von Beginn seines Studiums an, dass seiner Ausbildung die Wahl eines bestimmten Buches (d.i. einer bestimmten Perspektive) aus einer unermesslich großen Bibliothek vorausgegangen sei. So sähe er sich womöglich in einem Anfall von Neugier, in Anbetracht brennender Fragen, dazu veranlasst, einmal selbst die Bibliothek zu betreten und sich ein wenig umzusehen. Vielleicht würde er hier und da auch andere Bücher, andere Perspektiven auf Wirtschaft kennen zu lernen versuchen. Ja, unter Umständen führte ihn dieser Streifzug gar aus der Bibliothek hinaus, in die unmittelbare Erfahrung anderer Zugänge zu „Realität“, beispielsweise im Dialog oder im Miterleben. Aber bleiben wir für einen Moment in der Bibliothek. Wenngleich die Vermittlung des dort Gefundenen nach wie vor keinen Platz in den Curricula der Wirtschaftswissenschaften eingeräumt würde, so wäre immerhin das Bewusstsein für die Möglichkeit des Anders-Sehens, des Anders-Denkens geweckt. Manch einer würde diesem multiperspektivischen Zugang sogar einen großen Teil seines (Selbst)Studiums einräumen. Ein solcher Studierender wäre jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit mehr an der Beantwortung sich ihm aufdrängender Fragen, an der Aneignung von verschiedenen Denkweisen, als an einem Status „Ökonom“ gelegen. Unter Umständen würde er durch den ein oder andern eigenständigen Streifzug durch die Bibliothek gar zu der Auffassung gelangen, dass es gerade dieser Status und die mit ihm verbundene Sichtweise und deren Bezeichnung als „wissenschaftliche“ ist, die ihn bei der Beantwortung seiner Fragen im Weg stehen.

In einem zweiten Schritt könnte sich ihm der Wunsch aufdrängen, zu verstehen, was es denn ist, das die in den Wirtschaftswissenschaften vermittelte Perspektive zu einer solch hemmenden macht und darüber hinaus, wie man dazu alternative Sichtweisen denn einzuordnen habe. Bei seinem Streifzug durch die Bibliothek würde sich ihm also das Problem einer systematischen Durchleuchtung möglicher Perspektiven – der Vielzahl an Büchern – stellen. Wie nur kann er in hunderten von Regalreihen zielstrebig eben jene Bücher ausmachen, die ihm Antworten auf seine Fragen versprechen? Vielleicht gelänge er zu dem Punkt, die Fragen selbst einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und sie gegebenenfalls zum Gradmesser für (s)ein erfolgreiches Studium auszuweisen. So könnte ihn das Selbststudium gar wieder zu seinen Ausgangsfragen zurückführen und im Erkennen und Bewusstmachen eben dieser das erste Mal eine aufgeklärte Perspektive einnehmen. Zum ersten Mal verfügte er über einen sicheren Standpunkt, den zu verteidigen er selbst imstande wäre.

Genug des Konjunktivs: wir Studierende fordern (auch) in den Wirtschaftswissenschaften die Umsetzung eines Bildungsideals, welches eine solche Befähigung zum Denken und systematischen Erschließen eigener Fragestellungen zum Ziel hat. Wir wollen am Ende unseres Studiums nicht funktionieren, sondern bewusst handeln und entscheiden können. Entscheidungsträger und Lehrende scheinen nach wie vor nicht verstanden zu haben: Wir sind keine Zahnräder, sondern Menschen. Wir wollen wieder unsere Fragen und Ideen im Fokus unseres Studiums sehen. Sie waren Ausgangspunkt unserer Entscheidung zum Studium und müssen daher auch als roter Faden und Prüfstand unserer Curricula ernst genommen werden. Wie an vielen Stellen betont (s.o.), laden wir alle Lehrenden herzlich dazu ein, diesen Weg gemeinsam zu beschreiten. Angesichts der Tatsache, dass ein Entgegenkommen bislang größtenteils ausgeblieben ist und unsere monoperspektivische Lehre in den Wirtschaftswissenschaften nach wie vor zu „wirtschaftspolitischer Alternativlosigkeit“ und somit zu anhaltendem Leiden in Europa und der ganzen Welt beiträgt, möchten wir an dieser Stelle darauf hinweisen, dass wir die Bibliothek auch ohne Sie aufsuchen werden. Nicht zuletzt werden wir unsere eigenen Ideen darüber entwickeln, wie ein Miteinander des 21. Jahrhunderts aussehen kann. Angesichts der sozio-ökonomischen und ökologischen Herausforderungen, vor denen wir stehen, können wir uns eitle akademische Grabenkämpfe nicht leisten: wir bitten Sie daher erneut, unsere Forderungen und unser Angebot ernst zu nehmen und neuem ökonomischen Denken endlich Raum zu geben.

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2 Antworten zu VWL in Deutschland: Und täglich grüßt das Murmeltier

  1. Alex schreibt:

    Super Blogeintrag!

    „Stellen wir uns für einen Moment vor, der Studierende wüsste von Beginn seines Studiums an, dass seiner Ausbildung die Wahl eines bestimmten Buches (d.i. einer bestimmten Perspektive) aus einer unermesslich großen Bibliothek vorausgegangen sei.“

    Das wäre tatsächlich in meinen Augen der erste wichtige Schritt. Es ist für mich unverständlich, dass viele nicht wissen, dass im Grundstudium eine Mischung aus Keynes und Neoklassik gelehrt wird (Stichwort: Neoklassische Synthese) und dass das IS/LM und AS/AD Modell eben nicht die letzte Wahrheit sind.

  2. Pingback: Internationaler Aufruf: Vielfalt über alle Grenzen! | generationjetzt

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