Call for Questions!

Frankfurt, Taksim/ Gezi und Co. – die Schlagzeilen kennen sie nicht mehr. Der Aufschrei war laut, die Druckwalze der Medien rollte und dann kehrte die Öffentlichkeit wieder zur Ruhe.

Der folgende Auszug ist aus einem Briefwechsel, der vor einem Monat stattfand als das Fass unserer Generation einmal mehr begann überzulaufen. Ihn zu dem jetzigen Zeitpunkt zu veröffentlichen, möchte nicht nur die Empörung jener Tage wach rufen. Dieser Dialog ist der Aufruf an Jede(n) in der kommenden Zeit die Fragen, welche wir uns, Ihr euch im Rahmen dieser Ereignisse stellt aufzuwerfen und zu diskutieren.

Was verbindet die Phänomene, welche die Menschen nicht nur unserer Generation auf die Straße treibt, insbesondere angesichts der neueren Erscheinungen von Prism und Co.?

Welche Charakterzüge unserer Generation bzw. der Kultur mit der unsere Gesellschaft denkt und entscheidet zeigen sich in dem Spannungsfeld von Demonstrierenden und der in den Massenmedien dargestellten Öffentlichkeit?

Wo sind die Parteien mit ihren Reden und Wahlprogrammen in dieser Kultur, in diesem Zeitgeist verordnet? Wer repräsentiert die Forderungen der Demonstrierenden?

Lasst uns uns und alle laut fragen.

Ob in der Kommentarfunktion oder per mail an uns – fragt, schreibt und wir packen es auf den Blog.

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Hey T.,

schön von Dir zu hören! Mir geht es gut und das ist nicht selbstverständlich, wie ich gemerkt habe. Frankfurt war schockierend. Ich dachte, die Leute sind in Deutschland aufgrund von Fernsehverdummung und Co. Einfach zu faul zum Demonstrieren und generell desinteressiert geworden. Dass sie sich zumindest allein und orientierungslos fühlen, sieht man ja an jeder Ecke. Je mehr Angst sie haben, desto mehr verstecken sie sich hinter einer Maske und schreien ihre Angst durch die Gegend, aber so, dass man es nicht hört, wenn man nicht drauf achtet. Und ich kann diese Angst auch verstehen.

„Man ist ja auch nur ein Mensch  und was soll man schon machen, wenn irgendein ESM-Schirm aufgespannt wird, Schirme sind doch was Feines oder nicht? Oder wenn ein Flughafen 12 Millionen € am Tag kostet, ohne das überhaupt ein Flugzeug fliegt, oder wenn wir verfluchte KAMPFDROHNEN aus AMERIKA für weiß ich wie viel Millionen kaufen. „Politik ist halt kompliziert, da halt‘ ich mich raus, was hab ich schon mit dieser komischen Welt zu tun?“

Und viele beschäftigen sich dann mit Dingen, bei denen sie den Überblick behalten, einfach weil es angenehmer ist. Fußball, Mode, der Eurovision-Song-Contest. Außerdem sind sie ja auch eingespannt in Job und Alltag. Dann haben sie wirklich keine Zeit mehr was zu machen, sich zu fragen, wieso eigentlich Kinder verhungern, wo man doch hier in den Containern der Supermärkte Paprikas, Limetten, Melonen und Mangos findet. Essen gibt’s also doch scheinbar genug? Stattdessen hecheln sie dem System hinterher, ohne mal zu gucken wo es eigentlich  lang geht.

Wäre ja schon schlimm genug, wenn die Gesellschaft wirklich so wäre. IST SIE ABER GAR NICHT. In Frankfurt waren nach meiner Einschätzung bestimmt 12.000 Leute aus den verschiedensten Hintergründen, die sich dennoch alle auf eine Sache geeinigt hatten: „Der Kapitalismus, wie er momentan von der ganzen Welt gefahren wird, muss sich verändern und ich sorge dafür.“. Alle Probleme scheinen doch Symptome derselben Ursache zu sein und alle Anstrengungen etwas zu erreichen werden von ihm, dem Raubtierkapitalismus, behindert und das wurde mir in Frankfurt sehr deutlich.

Wie gesagt dachte ich, Deutschland ist voller Leute, die keine Lust (mehr) haben sich zu engagieren, aber nun musste ich feststellen, dass Vater Staat, in Person der Polizei, aktiv gegen Meinungsbildung und Partizipation vorgeht. Und wenn mir jemand sagt: „Das Handeln der Polizei hat nicht die Position des Staates, also der Regierung und seiner Bürger entsprochen“, dann will ich aber ganz schnell wissen, WESSEN Meinung die Polizei vertreten hat. Und dann soll dieser jemand doch bitte rechtfertigen, warum sie sich das herausnimmt!?

Das ist absolut erschreckend gewesen, weil es gezeigt hat, wie schwer es wirklich IST etwas zu bewegen. Du kannst schon für den einfachen Versuch, deine Meinung Kund zu tun, Prügel und Pfefferspray abkriegen. Und das in Deutschland, wo wir doch angeblich eins der demokratischsten Länder sein sollen / wollen. So stell ich mir Demokratie nicht vor und das schlimmste ist, dass das bisschen Polizeigewalt scheinbar auch noch reicht, um die Bürger still zu halten. Schon traut sich keiner mehr zu demonstrieren, dabei sind wir hier im Vergleich zu Istanbul noch glimpflich weggekommen. Anderswo gibt es Tote und die Leute machen mehr. Wahrscheinlich gerade deshalb, weil man sich hier sagt: „Mir geht’s doch gut!? Was soll ich mich beschweren.“

Dazu folgendes Zitat: „Hand hoch: Wer hat ne Heizung und is trotzdem der Meinung, dass sich was ändern muss?!“ (der frühe Clueso)

Erzähl mal von Deinen Eindrücken in Spanien! Wissen die Leute, warum sie wirtschaftlich gegen die Wand (ge-)fahren (werden)? Verstehen sie, woher das kommt oder sind sie nur wütend und wissen nicht so recht in welche Richtung sie die Wut kanalisieren sollen und produktiv werden lassen können?

Ich drück Dich,

M.

Hey M.,

Spanien. Nix Wut, und wenn, dann kanalisiert sie sich in krasse Ohnmacht. Das Problem ist das Gute, nämlich dass die Krise momentan noch von den Familien bzw. den Renten der Alten abgefangen wird. Dadurch schwächen sich natürlich die Folgen der Krise ab (Arbeitslosigkeit/ Unsicherheit), aber auf der anderen Seite wird diese Solidarität von den Bürgern nicht als Modell für die gesamte Gesellschaft politisch eingefordert. So bildet sich keine politische Bewegung.

In Spanien stehen sie also vor demselben Problem wie in Deutschland: keine Alternative in der politischen Landschaft und vor allem (und dort noch stärker) keine Integration der Proteste in eine (politische/ parteiliche) Bewegung.

Wen sollen sie wählen, wenn alle korrupt sind bzw. Dreck am Stecken haben?! Daraus folgt einerseits, dass – so haben uns das die Mädels mit denen wir länger mal gesprochen haben erzählt – in der Politik Merkel als Sündenbock für ALLE Fehler gebraucht wird und auf der anderen Seite, dass der Staat, die Regierung und die Politik KOMPLETT als Vertreter, Fürsorger und „Lender of last Resort“ für die Bevölkerung abgeschrieben wird. Das alles sind Phänomene die ich sonst nur aus wirklich abgefuckten Ländern kenne.

Die Atmosphäre ist also eine der Resignation, der Enttäuschung, Müdigkeit (keiner geht mehr zu Demos, die richtig schlimme Lage dauert gefühlt seit drei Jahren), Unsicherheit, Zukunftsängste. Die jungen Leute, obgleich nicht gewillt, gehen in Sprachschulen um nach England, Deutschland (siehe die Programme von der von der Leyen) und Lateinamerika auszuwandern. Das heißt, dass nicht nur in ein paar Jahren das Sozialsystem auf Grund der Abwanderung und der Sparmaßnahmen komplett abkackt, sondern auch kaum mehr junge und gut ausgebildete Leute (die es noch gibt!) im Land sind, um es wieder aufzubauen.

Ich sehe da schwarz.

Soweit zu Spanien. Ich hab es schon zu x und y gesagt, ich bin ängstlich gespannt darauf, wie die Kräfte im derzeitigen Kapitalismus sich verschieben werden, um die Struktur von Privatbesitz, Wachstum und Gewinn weiterhin aufrecht zu erhalten. Es ist einfach nur noch pervers. Ich hatte leider auch das Gefühl, dass je mehr die neoliberale Utopie verwirklicht werden soll, die Idee vom (gutmütigen) Diktator Umsetzung finden MUSS, weil dieser Wandel der Gesellschaft, in dem die Gemeinschaft und das Wohl-Sein der Leute mit Füßen getreten wird, anders nicht aufzuhalten wäre. Das würde vielleicht auch zu Deinen Eindrücken aus Frankfurt passen.

Wir müssen achtsam sein und dringend Räume für solidarische Gemeinschaft, kritisches Denken und reflektierte Aktion schaffen, ansonsten fliegt uns die Zeit mit ihren Problemen um die Ohren.

Gruß, T.

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Eine Antwort zu Call for Questions!

  1. Pingback: Intellectually Lost. | generationjetzt

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