Intellectually Lost.

„The […] series offers you a chance to get ‚intellectually lost‘ for a while and discover things that you may not have done if you had not simply got ‚lost‘. It offers you a chance to experiment with your thoughts a little without any aim other than the enjoyment of intellectual enquiry.“

Mit diesen Worten endet der Aufruf, die von uns Studierenden organisierte Ringvorlesung „Ökonomik: Zwischen Modell und Wirklichkeit“ zu besuchen. Die Nachricht, welche über den E-Mail-Verteiler an alle Studierenden gerichtet war, enthielt viel Positives über die nun vierte Ringvorlesung dieser Art. Nur die Bedeutung des letzten Absatzes bleibt unklar: „Without any other aim than the enjoyment of intellectual enquiry.“ Was könnte damit (nicht) gemeint sein?

Um das zu klären, verlassen wir das Eingangszitat und werfen einen Blick auf das Konzept der angesprochenen Veranstaltung. Darin wird die Frage nach dem „Ziel universitärer Lehre“ gestellt. Dieses  Ziel kann wohl nur vordergründig ein Bündel zu entwickelnder Kompetenzen sein, vielmehr wird hier ein weiteres Mal die Frage nach der Aufgabe der Universität aufgeworfen. „Bildung“ als Antwort darauf genügt heute nicht mehr. Und das nicht nur, weil unsere Universitäten zu unternehmerisch geführten Ausbildungsbetrieben umfunktioniert werden (sollen), denn damit ist es schnell Aus mit der Bildung.

Urteilsfähigkeit, Analysefähigkeit, wissenschaftliche Standards, Unabhängigkeit – alles schöne Worte, schöne Ideen, wie man sie in Modulhandbüchern neuer so genannter innovativer Studiengänge schon jetzt nur noch überlesen kann.
Doch weiter im Konzept: „Universitäre Bildung ist dabei immer auch Bildung von Persönlichkeiten und als solche sowohl Denk- als auch Handlungsschule.“ Jetzt wird es schon interessanter. Man sollte allerdings in Verknüpfung mit dem Eingangszitat nicht auf den Gedanken kommen, damit wäre diese Veranstaltung einem Spaziergang zur Abendstund‘ gleichzusetzen. Obwohl das die Uhrzeit der Vorträge durchaus erlauben würde. Die Veranstaltung soll explizit kein Spaziergang, bei dem man, die Freuden der „intellectual enquiry“ genießend, ganz wie nebenbei sein Wesen, Denken und Handeln schult. Das müsste ja hier bedeuten, dass es ohne Probleme möglich wäre, nach dem Spaziergang am nächsten Tag wieder in die alte Kiste zu blicken. Die Verfasser_innen des Konzeptes haben jedoch bereits vorgewarnt:

„Das Ziel dieser Ringvorlesung ist es, den Studierenden ein grundlegendes wissenschaftstheoretisches Verständnis für ihr Fach zu vermitteln, um ihnen ein umfassenderes Maß an Sensitivität für wissenschaftliche und gesellschaftliche Probleme zu ermöglichen. Die Studierenden sollen einen interdisziplinären Einblick in die Geschichte und Auslegung der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie bekommen, der über die einzelnen Deutungen, welche zur Zeit als Wissen gelehrt werden, hinausgeht.“

Also wird es leider nichts mit dem kleinen Ausflug in ein unbekanntes Feld und dann schnell wieder zurück: Die Veranstaltung möchte bewusst deutlich machen, was ein Studium der Ökonomik (Fußnote: Ich verzichte hier bewusst auf die Unterscheidung in Management- und Volkswirtschaftslehre) eigentlich bedeutet. Warum finden sich all die erfahrungsleeren Inhalte darin? Welche Haltungen sollen antrainiert werden, welche Weltbilder werden impliziert vermittelt? Welche Rolle spielen die weit verbreiteten Lehr-Bücher, wo liegen die Grenzen mathematischen Modellierens? Was bedeutet es, etwas aus der „ökonomischen Perspektive“ zu betrachten, „als Ökonomin oder Ökonom“ zu urteilen? Das sind die Kernfragen, die eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit der Didaktik der Ökonomik und der Ökonomik selbst aufwirft.

Und nicht zuletzt: Was macht das Studium der Ökonomik eigentlich mit uns? Ja mit uns, den Studierenden, die vor lauter Arbeitsmarkt- und Praxisorientierung möglicherweise schnell vergessen, mit welchen Fragen wir in das Studium gekommen sind, vgl. unseren „Call for Questions“.

Ja, gut möglich, dass nach der Veranstaltung erst einmal ein Spaziergang in der Bayreuther Herbstluft notwendig wird. Allerdings eher, um das Gehörte einzuordnen, die eigene Position in dieser Wissenschaft zu finden. Vielleicht werden die einen oder anderen das Gehörte auch schnell in eine große Kiste packen, die unbequeme Kiste. Doch daraus wird es eines Morgens hervorspringen. Vielleicht auch schon am nächsten Morgen, wenn das von Neuem beginnt, was einem Spaziergang in intellektuelle Gefilde schon näher kommt. Wenn Modelle gepaukt und Differenziale berechnet werden, unsichtbare Hände gehalten und die immer gleiche Denkweise auf alle aufkommenden Problemstellungen angewandt wird. Was das Studium der Ökonomik betrifft, hat die Universität ihre Aufgabe nicht erfüllt. Warum werden Inhalte unreflektiert als Wahrheiten vermittelt und Kontroversen nicht berührt? Warum sollen wir Studierende plötzlich einsehen, dass es nur eine Sicht auf die Dinge gibt?  Methoden- und Theorienvielfalt? Fehlanzeige! Sich fallen lassen? Ja, das ist möglich. Mit dem Risiko, niemals aufzuwachen; oder frühestens, wenn es zu spät ist.

Die Ringvorlesungen versuchen dagegen anzugehen. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht nur bei intellectual enquiry bleibt. Das zielt direkt auf die eigene Substanz.

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