Internationaler Aufruf: Vielfalt über alle Grenzen!

Die Unzufriedenheit mit der Lehre vereint die Studierenden, die sich in der „Internationalen Initiative für Pluralismus in der Ökonomik“ (ISIPE) zusammengeschlossen haben.
In einem gemeinsamen Manifest , das am 5. Mai veröffentlicht wurde, kritisieren sie Fehlentwicklungen und fordern offene, kritische und vielfältige Wirtschaftswissenschaften.

Unterstützt wird das inzwischen (Stand 15. Mai) auf 65 Gruppierungen – aus 30 Ländern, u.a. Chile, Australien, Israel, Russland, Pakistan, Kanada – angewachsene Bündnis auch von Akademiker_innen und zivilgesellschaftlichen Bündnissen. In Deutschland hat sich neben  dem Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. die BundesFachschaftenKonferenz WiSo dem Aufruf angeschlossen. Damit setzt auch die Vereinigung der deutschen Fachschaften der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ein klares Zeichen. Der Bayreuther StuPa-Arbeitskreis Plurale Ökonomik gehört zu den Gründungsmitgliedern der Initiative, auch wir haben bereits hier und hier auf den Handlungsbedarf hingewiesen.

Was ist das Problem? Über Landesgrenzen hinweg bescheinigen die Studierenden den Wirtschaftswissenschaften eine „besorgniserregende Einseitigkeit“ in der Lehre, welche sich in den vergangenen Jahrzehnten noch dramatisch verschärft hat. Sie kritisieren sie als Disziplin, die sich mehr oder weniger als eine einzige theoretische Strömung mit festem Lehrkanon und etablierten Methoden präsentiert und dabei Debatten und geschichtliche Einordnung vermissen lässt. In einem solchen Umfeld könne kritisches Denken kaum entstehen.

Demgegenüber stehen konkrete Forderungen, etwa „schon im Grundstudium reflektiertes Denken über die Ökonomik und ihre Methoden“ zu ermöglichen sowie eine Auseinandersetzung mit der „Geschichte des ökonomischen Denkens, Wirtschaftsgeschichte und den Klassikern der Ökonomie“ zu integrieren. Nur durch eine „Erneuerung der Disziplin werden Räume geschaffen, in denen Lösungen für gesellschaftliche Probleme gefunden werden können“. Hierfür sei eine Ausbildung notwendig, die theoretisch und methodisch vielfältiger sowie interdisziplinärer, also kurz: ‚pluraler‘, gestaltet ist. Ein solcher Pluralismus kann als Bereicherung von Lehre und Forschung auch zu einer Neubelebung der Wirtschaftswissenschaften führen.

Pluralismus bedeutet dabei nicht, sich für eine Seite zu entscheiden oder eine vorherrschende Denkweise durch eine andere zu ersetzen. Vielmehr steckt dahinter der Anspruch, eine lebendige, intellektuell reichhaltige Debatte zu führen sowie reflektiert mit Ideen umzugehen, also unter anderem Möglichkeiten und Grenzen der Methoden und Theorie zu berücksichtigen. In anderen (Sozial-)Wissenschaften ist das selbstverständlich, auch wird dort mehr Wert auf eine Einbettung in den historischen Kontext gelegt.

Die Studierenden der ISIPE werden angetrieben Fragen des Zusammenlebens, von Ökologie und Ethik in ‚der Wirtschaft‘. Lehrveranstaltungen helfen den Studierenden bislang nicht dabei, zufriedenstellende Antworten darauf zu finden – eventuell sind Studienprogramm momentan auch einfach ganz Fragen von Bedeutung. Der Aufruf zu einem Kurswechsel gesteht hierzu ein: Es müsse einen Richtungswechsel geben, aber das Ziel sei nicht vorgegeben, die gemeinsame Gestaltung stehe im Vordergrund. Doch man möchte nicht auf einen Wandel ‚von oben‘ warten, denn dort oben ist das Interesse an einer Neuausrichtung eher gering. Mut für dieses Projekt machen heute schon all die studentisch organisierten Arbeitskreise und Veranstaltungen, wie die Ringvorlesungen in Bayreuth.

Um die jüngsten Ereignisse zu kommentieren: Dieser Aufruf stellt einen bedeutenden Schritt auf dem Weg zu einer kritschen Masse dar. Die Studierenden haben einen Nerv getroffen, Zeitungen und Blogs haben das Thema aufgenommen und berichten weiter.
Auch einige Ökonom_innen haben sich bisher geäußert. Dabei reicht das Spektrum von Unterstützung über Unverständnis bis hin zu offener Empörung über diese Einmischung ‚von unten‘. Vor allem aber wird darüber gesprochen; es wird nun schwieriger, die Bewegung als ‚kleine Minderheit‘ abzuspeisen, welche doch besser in der Soziologie oder Philosophie aufgehoben wäre. Denn, die Wirtschaftswissenschaften sich selbst überlassen, da möchten die Studierenden auch ein Wörtchen mitreden.

Daher gilt es nun für alle Beteiligten und Betroffenen, in einen konstruktiven Dialog zu treten – auch an der Universität Bayreuth, auf die die angeführte Kritik ebenso zutrifft. Vielleicht ist hier die Debatte – unter Studierenden zumindest – schon einen kleinen Schritt weiter: Viele Studierende haben mindestens eine der vom Arbeitskreis organisierten Ringvorlesungen besucht, mit fast 35.000 Abrufen sind die Aufzeichnungen dieser Vorlesungen auch über die Stadt hinaus bekannt. Doch es gibt noch viel zu tun: Auch wenn Professoren inzwischen versuchen, Kritik vorzubeugen: Veränderungen in der Lehre, wie etwa die Einbettung dogmengeschichtlicher Perspektiven oder Hinweise auf alternative Erklärungsansätze, gab es bisher kaum. Auch die kritische Auseinandersetzung mit den verwendeten Methoden bleibt weitgehend aus. Um hier im Dialog weiterzukommen, möchte der Arbeitskreis Plurale Ökonomik Bayreuth in den kommenden Wochen an die Professoren herantreten.

Zu hoffen ist in diesen Tagen vor allem, dass uns der folgende Satz von Egon Bahr immer präsent bleibt: Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.

 

Die Internetseite der ISIPE ist hier zu finden, dort besteht auch die Möglichkeit, sich dem Manifest anzuschließen. Eine kürzere Version dieses Artikels ist zuerst erschienen im ‚Tip‘, der unabhängigen Studentenzeitung an der Universität Bayreuth.

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2 Antworten zu Internationaler Aufruf: Vielfalt über alle Grenzen!

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